Die Faszi(e)nation der Bewegungslehre

Altes östliches Wissen trifft auf die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse!

In den asiatischen Bewegungskünsten war man sich schon immer der Wichtigkeit des Bindegewebes bewusst. Die neuesten Entdeckungen der Faszienforschung lassen sich sehr gut mit dem traditionell-östlichen Gedankengut verbinden. Für viele sogenannte Qi-Empfindungen oder Qi-Phänomene erhalten wir einfache und verständliche Erklärungen. Man kann es als eine Bereicherung und Erweiterung unseres schon vorhandenen Bewegungsverständnisses und Körperbewusstseins verstehen.

Faszien-Training war und ist schon immer ein traditioneller Bestandteil der "Inneren Übungen" der Kampfkunst und wurde nur anders bezeichnet. Unter anderem spielte oft die Elastizität und Geschmeidigkeit eine große Rolle, so auch im Training der Samurais und Ninjas. Die Shaolin-Mönche übten das "Yi Jin Jing-Qigong" (Übungen zur Transformation der Sehnen und Bänder), wobei dieses Wissen in vielen weiteren Übungssystemen berücksichtigt wurde.
Die Faszienforscher stellten auch fest, dass bei der Akupunktur mit der Stimulation des Fasziengewebes gearbeitet wird und ca. 80 % der Akupunkturpunkte auf den myofaszialen Leitbahnen liegen. Zudem weisen die von Thomas W. Myers entdeckten anatomischen Zuglinien (oberflächlich-liegende Faszien) überraschende Ähnlichkeiten zum Verlauf des Meridiansystems der Traditionellen Chinesischen Medizin auf. Weitere Informationen darüber, können in dem Buch "Anatomy Trains - Myofasziale Leitbahnen", nachgelesen werden.

Es geht nicht immer um das Erlernen weiterer Übungsreihen und Formen, sondern auch um ein tieferes Verständnis unserer Körperstrukturen und dessen Zusammenhänge im menschlichen Körper zu erkennen. Ein wichtiger Leitgedanke des Daoismus ist es, den Dingen auf den Grund zu gehen.

Was sind Faszien?

Faszien bezeichnen alle faserigen, kollagenhaltigen Bindegewebe, die Bestandteil eines körperweiten Netzwerks sind. Dazu gehören u.a. Sehnen, Bänder, Gelenkkapseln, Organkapseln, Muskelbindegewebe. In einer netzartigen Anordnung umhüllen, verbinden und durchziehen sie alle Bestandteile des Körpers.

Faszien dienen folgenden Zwecken im Körper:

Das Fasziengewebe übernimmt einen Teil der für das aufrechte Stehen und Gehen nötigen Spannung und Balance und entlastet dadurch die Muskulatur. Dieses Körpernetz ist ein flexibles Gewebe und kann sich an unterschiedliche äußere und innere Vorgänge anpassen und sich verändern. Faszien sind trainierbar.

Die Faszien lieben es auf folgende Art und Weise bewegt und trainiert zu werden:

Faszien sind das größte Sinnesorgan des Körpers!

Tensegrity

Mit der Faszienforschung und der damit verbundenen Bewegungslehre des Menschen, wird oft das Tensegrity-Modell in Verbindung gebracht. Der Begriff "Tensegrity" wurde von dem Architekten, Konstrukteur, Visionär und Designer R. Buckminster Fuller aus den Worten "tension" Spannung und "integrity" Zusammenhalt, geprägt. Dieses Modell findet Verwendung in der Architektur, in der Technik und auch in naturwissenschaftlichen Bereichen. Es bezeichnet Strukturen, die ihre Spannungen in sich ausgleichen und gleichmäßig verteilen.

Dieses Modell weist folgende Merkmale auf:

Faszienforscher gehen davon aus, dass sich diese Vorstellung auf den menschlichen Körper übertragen lässt.

Weiteres kann in dem neuen Buch von Robert Schleip, "Faszien Fitness" (Riva-Verlag) nachgelesen werden. Dr. Robert Schleip, ist Direktor der Fascia Research Group, Division of Neurophysiology, an der Universität Ulm.

Erkenne, dass alles mit allem verbunden ist.
Leonardo Da Vinci

Über das Tensegrity-Modell kommen in der Bewegungslehre auch die Knochen ins Spiel. Die langen Muskel-Faszien-Ketten bilden zusammen mit dem Knochenbau erst ein dynamisches Spannungsnetzwerk. Die Knochen sind die dichteste Materie des menschlichen Körpers. Eine Aufgabe der Knochen ist die Druckverteilung. Die Ausrichtung der Knochen ist aber nicht entlang der Schwerkraftlinien (Zug nach unten), sondern nach den Belastungslinien, die den Leitbahnen des Bindegewebes entsprechen. Richtet man das menschliche Skelett anhand der Gravitation aus, so kann sich der Knochendruck im gesamten Körper erhöhen und sich die gelenkumgebende Muskulatur, mit Hilfe der faszialen Zug- und Druckkräfte, entspannen. So entsteht die erwünschte natürliche Aufrichtung unseres Körpers.

In der Regel treffen die Knochen nicht direkt aufeinander, sondern sind über die Gelenke miteinander verbunden. Diese werden von den Gelenkkapseln, die ebenfalls dem faszialen Gewebe zugeordnet werden, überzogen und geschützt. Durch die Bewegung, wird die Flüssigkeit im Gewebe angeregt und man könnte dann von einem gut geschmierten Gelenk sprechen.

Qigong und Taijiquan bieten für das Trainieren unseres Fasziengewebes eine wunderbare Bewegungsplattform. Ein Grundgedanke des Faszien-Trainings ist: "Weniger ist mehr". Dazu benötigt der vom Erfolg getriebene Mensch der westlichen Welt ebenfalls ein bisschen die östliche Philosophie und Hingabe. Um biegsam wie ein Bambus zu werden, erfordert es Geduld, Ausdauer und regelmäßige Pflege, so wie ein Gärtner seine Setzlinge hegt und pflegt. Er sät die Samen und gießt sie einige Wochen ohne sichtbaren Erfolg. Nach einiger Zeit treibt der Spross aus dem Erdreich und wächst in einer flexiblen Stabilität nach oben.

Unser Körpernetz kann mit einem gut gestimmten Saiteninstrument verglichen werden. Spannt man die Saiten zu straff, dann reißen sie. Im übertragenen Sinne auf den Menschen bezogen, könnte man von einer angespannten oder überzogenen Haltung sprechen. Werden die Saiten zu schlaff gespannt, ergeben sich keine harmonischen Töne. Der Körpertonus ist schlapp und in sich zusammengefallen. Mit einem Saiteninstrument sollte man sorgsam und achtsam umgehen, damit es sich nicht verzieht. Auch unser Körper freut sich über einen liebevollen Umgang mit uns selbst.

Die langsam, geschmeidig und fließend ausgeführten Bewegungen im Qigong und Taiji haben auch eine positive Wirkung auf unser gesamtes Fasziennetzwerk. Durch...

Bewegen ist gut – spüren und bewegen weitaus besser.

Den Körper zu harmonisieren heißt, ihn liebevoll mit Geduld und Ausdauer zu stimmen und zu aktivieren. Bis sich die erwünschte "Wohlspannung" zwischen Körper, Geist und Seele einstellt.

Wie im Inneren, so auch außen.
Wie oben, so auch unten.
Wie links, so auch rechts.
Wie der Körper, so der Geist.

Mit diesen Zeilen habe ich versucht die aktuellen Erkenntnisse der Faszienforschung mit dem uns bekannten Wissen der östlichen Philosophie zu verbinden. Im Laufe des Schreibens wurde mir die Komplexität dieses umfangreichen Themas immer bewusster. In der Zukunft werden wir von der Wissenschaft noch viel über neue Entdeckungen des menschlichen Körpers hören.

Ich hoffe, dass ich damit verdeutlichen konnte, was in dem Bewegungsverständnis und -empfinden des Qigongs und Taijquans schon immer vorhanden war und ist. Auch die Qualität, die sich in diesem alten Bewegungssystem versteckt und diese noch wertvoller erscheinen lässt als es uns schon bewusst ist.

Da ich im System des ASS-Instituts (Dr. Barbara Schmid-Neuhaus, Liane Schoefer-Happ und Dieter Mayer) ausgebildet wurde, konnte ich mich auch in der Bewegungslehre ständig weiterbilden und entwickeln. Besonders die Ideen von Dieter Mayer gaben mir viele Impulse und bereicherten meine Gedanken und Überlegungen. Er schrieb die Bücher "Kraft ohne Anstrengung", oder "Typgerecht trainieren mit der Bewegungslehre der 5 Elemente" und nun das neueste Buch „Die Mitte besetzen" mit dem Grundgedanken "und-leicht-und-schwer" (Neuerscheinung Herbst 2015) und viele weitere.

Momentan gibt es viele gute, neue Modelle, Ansätze und Überlegungen auf dem Markt. Für mich selbst bin ich darüber froh, dass ich auf den mir bekannten PRT-Zyklus (Power-Response-Training) von Dieter Mayer zurückgreifen kann. Wie benutze ich meine Knochenstruktur, Gelenke, Muskeln usw.? Wie kann ich mit der 5 Elementen-Lehre spielen, ob in der TCM oder auf der Körperebene? Dies alles unterstützt mich, die neuen Erkenntnisse der Bewegungslehre leichter einordnen zu können, um die erwünschte durchlässige, flexible und geschmeidige Stabilität zu erreichen.

Ich freue mich schon darauf, diese wunderbaren Ansätze mit meinem ganz persönlichen inneren Verständnis in den nächsten Jahren zu verbinden und es in die verschiedensten Bereiche des Lebens einfließen zu lassen.

Meine Begeisterung für die Bewegungslehre wurde nun noch mehr angefacht. Ich werde weiterlesen, recherchieren und üben. Dieses Thema wird mich begleiten und faszinieren... ob mit oder ohne (e).




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